Kirchner Kubus: Historische 3D-Rekonstruktion

Kirchner Kubus: Historische 3D-Rekonstruktion

Engineering3D-Konstruktion

1. Die Wurzeln: Ingenieurskunst trifft Kunstgeschichte

Das Projekt vor der Software-Zeit

Dieses Projekt markiert meine technologische Herkunft. Bevor ich mich auf Software-Systeme spezialisierte, arbeitete ich an der TH Aschaffenburg im Modus des Ingenieurs und Bauzeichners. Der Kirchner Kubus beweist diese Kernkompetenz: Absolute räumliche Präzision und das Verständnis für physische Konstruktion.

Die Aufgabe: Das Unsichtbare sichtbar machen

1938 zerstörten die Nationalsozialisten die Wandfresken von Ernst Ludwig Kirchner im Sanatorium Königstein. Der Raum existierte noch, die Kunst war weg. Die Herausforderung: Wie rekonstruiert man ein verlorenes räumliches Kunstwerk basierend auf wenigen historischen Farbfotos?


2. Der Prozess: Digitale Archäologie

Hier ging es nicht um Interpretation, sondern um Vermessung.

  • Datenerfassung (Ist-Zustand): Mein Mentor Prof. Dr.-Ing. Jens Elsebach (TH Aschaffenburg) erfasste das existierende Treppenhaus mit einem Faro Laserscanner. Ich verarbeitete diese Punktwolken zu einem exakten 3D-Modell des Ist-Zustands (CAD/Engineering).
  • Rekonstruktion (Soll-Zustand): In Zusammenarbeit mit Experten für historische Bildbearbeitung fusionierte ich in Blender die Scandaten mit den alten Fotografien.
  • Das Ergebnis: Ein digitaler Zwilling des Zustands von 1938 – eine wissenschaftlich fundierte Zeitreise.

3. Die Materialisierung: Vom Bit zum Bauwerk

Digital war nicht genug. Für eine Ausstellung in Aschaffenburg sollte der Raum als begehbare Installation ("Der Kubus") physisch nachgebaut werden.

Abstraktion & Hybrid-Konstruktion

Ich nutzte SketchUp, um aus dem komplexen Scan-Modell eine abstrahierte, baubare Version für die Fertigung abzuleiten.

  • Das Tragwerk: Statt Beton zu gießen, nutzten wir Schalelemente (bereitgestellt von Firma Adam Hörnig) als statisches Skelett. Diese Platten bildeten die Struktur für Wände und Dach und wurden innen wie außen verkleidet, um den Raumkörper zu formen.
  • 3D-Druck: Die komplexen, organischen Details (die Tür, Teile der Treppe, Wandnischen) ließen sich nicht konventionell bauen. Diese Elemente wurden basierend auf meinen Daten 3D-gedruckt und präzise in die Holzkonstruktion integriert.

4. Erfolg & Reise

Was als technische Rekonstruktion begann, wurde ein internationaler Erfolg. Die Installation war so überzeugend, dass sie auf Tournee ging:

  1. Aschaffenburg: Premiere am Hauptbahnhof.
  2. Königstein: Rückkehr an den Ort des Ursprungs.
  3. Davos: Finale Ausstellung im renommierten Kirchner Museum Davos.

Relevanz für Lukaio: Auch wenn dies kein Software-Entwicklungsprojekt im Sinne von Coding war, bildete Software (CAD, 3D-Modellierung) das Fundament. Es zeigt, dass ich "Räumliche Daten" nicht nur als Nullen und Einsen verstehe, sondern ihre physische Dimension, Maßstäblichkeit und Konstruktion beherrsche. Wer einen Raum digitalisieren will, muss ihn erst baulich verstehen.